Stress ist ein natürlicher Bestandteil des Pferdelebens

Während wir alles tun, um das Leben unserer Pferde möglichst stressfrei und entspannt zu gestalten, bereitet uns unsere eigene Anspruchshaltung vor allem eines: eine Menge Stress. Meist handeln wir nach bestem Wissen und Gewissen und trotzdem haben wir Zweifel. Zweifel, ob das Pferd auch wirklich entspannt ans Futter kommt, die neuen Pferde Unruhe in die Gruppe bringen oder der geplante Ausritt heute zu aufregend sein könnte.

Aber ist das wirklich nötig? Welche Bedeutung hat Stress wirklich für unsere Pferde? Wie realistisch ist unser Wunsch nach einem gesunden, stressfreien Pferdeleben?

Beobachtung der Umwelt
Herde

Was ist Stress?

Um die Funktion von Stress zu verstehen, müssen wir uns zunächst die zugrundeliegende Biologie anschauen. Erkennt das Pferd einen Reiz, den es als wichtig, überraschend oder potentiell gefährlich einordnet, reagiert sein Körper sofort. Die Stresshormone Adrenalin und Cortisol werden ausgeschüttet und erzeugen sofortige Alarmbereitschaft. Während Herzfrequenz, Atmung und Muskeltonus in die Höhe schießen, werden weniger fluchtrelevante Funktionen wie die Verdauung gedrosselt, um Ressourcen optimal zu nutzen. Dieser Ablauf ist völlig natürlich . Ohne ihn wäre ein Pferd in freier Wildbahn  bei Gefahren nicht überlebensfähig.

Stressoren für Wildpferde sind zum Beispiel Rangordnungskämpfe und Futterkonkurrenz, aber auch Umweltparameter wie Wetterumschwünge, unbekannte Geräusche oder Insektenbelastung. Damit werden Pferde natürlich auch konfrontiert, wenn sie sich in menschlicher Obhut befinden. Stress ist ein normaler Teil des Pferdelebens, der sich nicht auch mit optimierter Haltung nicht gänzlich vermeiden lässt.

Wichtig ist die genaue Beobachtung, um einschätzen zu können, , ab wann es sich um ungesunden Stress handelt. Problematisch sind dauerhafter Stress, fehlende Vorhersehbarkeit und ausbleibende Erholungsphasen. Neben Angst, Schmerz und Überforderung tragen auch fehlende Anpassungsmöglichkeiten zur Entstehung von chronischem ungesundem Stress bei. Treten belastende Situationen kurzzeitig, nachvollziehbar und mit klarer Rückkehr zur Ruhe auf, spricht dies hingegen für normalen „gesunden“ Stress.

Überträgt man diese theoretischen Erwägungen auf unsere reale Pferdehaltung könnte das zum Beispiel folgendermaßen aussehen:

Szenario 1

Ein Pferd wird neu in eine Gruppe integriert. Es gibt einige Konflikte und ein Pferd aus der Gruppe macht es sich zur Aufgabe, den Neuen vom Futter fernzuhalten. Dabei geht es immer wieder mit angelegten Ohren auf den Neuling zu, gelegentlich wird gequiekt oder es fliegt ein Hinterhuf. Dass das neue Pferd (und übrigens auch der Angreifer) Stress erlebt, dürfte unstrittig sein. In einer günstigen Haltungssituation gibt es aber genug Platz, so dass der Neuankömmling ausweichen und auf Abstand bleiben kann. Außerdem kann er an einer anderen Heuraufe in Sichtweite der Herde fressen, ohne direkt in einen Konflikt gehen zu müssen.

Die Situation, in der das andere Pferd gezielt gedroht und Stress ausgelöst hat, war nur von kurzer Dauer. Sie war klar nachvollziehbar („Komm meinem Futter nicht zu nahe, sonst knallt es!“) und ein Ausweichen ist für das neue Pferd problemlos möglich. Alle Kriterien für eine normale, gesunde Stressreaktion sind erfüllt, sodass hier keine weitere Intervention nötig oder gar sinnvoll wäre.

Szenario 2

Die Ausgangssituation ist die gleiche: Der Herdenneuling wird von einem anderen Pferd bedroht und vom Futter weggescheucht. Dieses mal handelt es sich um einen nicht strukturierten Paddock mit überschaubarer Gesamtfläche – das neue Pferd hat keine Möglichkeit, so auszuweichen, dass es nicht mehr als unerwünschter Eindringling wahrgenommen wird. Außerdem gibt es keine zweite Raufe, sodass es sich in die hinterste Ecke verkriecht und hungert. Da das Futter insgesamt knapp ist, sind die Pferde dauerhaft angespannt, es herrscht verhältnismäßig viel Bewegung in der Gruppe. Immer, wenn einer der Artgenossen an der Ecke mit dem neuen Pferd vorbei kommt, gibt es Streit.

Verglichen mit Szenario 1kippt das Geschehen hier in eine völlig andere Richtung. Das neue Pferd erlebt problematischen, ungesunden Stress. Es kann sich der Situation nicht anpassen und ist ihr aufgrund der beengten Platzverhältnisse ausgeliefert. Da es ohne eigenes „Fehlverhalten“ immer wieder in Konflikte verwickelt wird, sind Stressoren für das Pferd kaum vorhersehbar. Eine Rückkehr zur Ruhe ist nicht möglich – stattdessen entsteht zunehmend Angst und Überforderung. Anders als in der ersten Situation löst sich ,diese nicht nach wenigen Momenten- sie kann im Zweifel über Wochen hinweg in schwankender Intensität anhalten.

Pferdeohr

Der individuelle Umgang mit Stress: Eustress vs. Distress

Ob Stress zum Problem wird, hängt also großenteils davon ab, ob eine Anpassungsreaktion möglich und nachhaltig erfolgreich ist. Auslöser können offensichtliche Situationen sein, wie das Aufeinandertreffen mit fremden Pferden, oder nur eine treibende Schenkelhilfe.

Daneben spielt die individuelle Beurteilung von Stresssituationen ebenso wie bei uns Menschen eine große Rolle. Der Galopp über ein Stoppelfeld schüttet wohl bei den meisten Adrenalin aus. Das emotionale Spektrum reicht jedoch vom tollstem Gefühl der Welt bis hin zu panischer Angst  und hängt sehr von unserem persönlichen Empfinden ab. Alternativ kann man sich  eine Fernreise vorstellen: Während der eine kribbelige Vorfreude auf fremde Kultur und Abenteuer verspürt, dreht sich dem anderen schon beim Gedanken an den weiten Flug der Magen um.

Für unsere Pferde sieht es ähnlich aus: Das eine Pferd genießt den Spaziergang mit seinem Menschen – beim anderen löst die Trennung von der Herde Panik aus. Genau so verhält es sich mit einer Turnierteilnahme – das eine Pferd blüht auf der Geländestrecke auf, während das andere schon beim Verladen an den Rand des Nervenzusammenbruchs gerät.

Diese unterschiedliche Beurteilung von Stress lässt sich mit den Begriffen Eustress und Distress beschreiben. Eustress ist der positive Stress, der im Rahmen freudiger Erwartung und zu bewältigender Aufgaben entsteht. Als Distress bezeichnet man den unangenehmen Stress, der meist mit Überforderung oder unzureichender Anpassung einhergeht.

Statt also jede Aufregung zu vermeiden, ist es zunächst sinnvoll, Stresssituationen zu hinterfragen und als Einzelfälle zu beurteilen. Ist unser Pferd der Situation gewachsen? Kann es sich durch kurzfristige Anpassungsreaktionen wieder in Entspannung versetzen? Dann entsteht durch die Konfrontation kein unmittelbarer gesundheitlicher Schaden. Stattdessen hat das Pferd die Möglichkeit, Erfahrungen zu machen, Situationen einschätzen zu lernen und Sicherheit zu gewinnen. Bewältigte Aufgaben und gut dosierte Stressreize führen langfristig zu einer verbesserten Stresskompetenz und zunehmender Souveränität.

Ist das Pferd hingegen in der Situation ängstlich und überfordert ohne eine realistische Möglichkeit zur Anpassung? Dann gibt es wenig Sinn, das Ganze auszusitzen. Das Lernen ist unter starkem Stress so eingeschränkt, dass ein Schritt zurück meist eher zum Ziel führt und gleichzeitig gesundheitlichen Schäden durch chronisches Stresserleben vorbeugt.

Fazit: Nicht jeder Stress ist schlimm

Stress ist ein normaler, wichtiger Bestandteil des Pferdelebens.
Stressvermeidung ist teils sinnvoll, aber oft auch überbewertet.
Unser Ziel sollte nicht sein, alle Stressoren zu eliminieren, sondern zwischen gesundem und ungesundem Stress zu unterscheiden.
Schädlich wird Stress erst dann, wenn er anhaltend ist und das Pferd nicht wieder in die Ruhe zurück findet.

Im nächsten Teil:
Was passiert im Körper, wenn Stress zum Dauerzustand wird?
Wie erkennen wir chronischen Stress – auch bei „ruhigen“ Pferden?
Welche Mechanismen schützen Pferde normalerweise vor Überlastung?

Autor: Lena Krause

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