Manchmal zeigt ein Pferd im Beritt vor allem eins: die Wahrheit

Es gibt Momente im Beritt, in denen man merkt, dass gerade etwas ganz anderes passiert, als man eigentlich erwartet hatte. Nicht mehr Leistung, nicht schöneres Reiten, nicht der nächste Trainingsschritt. Sondern ein Pferd, das einem zeigt, dass es ein Problem hat. Und das ist manchmal das Wertvollste, was ein Beritt leisten kann.

Genau das haben wir vor einiger Zeit hier im Pferdezentrum Dolle erlebt.

Arthus Aufnahme
Arthus in der Klinik

Aller Anfang ist schwer

Das Pferd kam zu uns mit dem, womit die meisten kommen: mit Hoffnungen, mit offenen Fragen und mit einem Körper, der seine eigene Geschichte mitbrachte. Schon kurz nach der Ankunft war zu sehen, dass es nicht taktrein lief. Zunächst dachte ich mir noch, dass ein langer Transport seinen Tribut fordern kann, dass Muskeln verspannt sein können, dass man einem Pferd einfach erst ein, zwei Tage geben sollte, um wirklich anzukommen. Aber am nächsten Tag war die Lahmheit noch da. Und am übernächsten auch.

Dann fängt man an, genauer hinzusehen.

Was mich an diesem Fall besonders beschäftigt hat, war die Frage, wo das Problem eigentlich sitzt. Die tierärztliche Einschätzung tendierte zunächst eher in Richtung vorne rechts. Für mich zeigte sich im ersten Eindruck hauptsächlich ein verkürztes Treten hinten links. Und am Ende war klar, dass dieses Pferd auf so vielen Ebenen gleichzeitig kompensiert hatte, dass eine saubere Zuordnung schlicht nicht möglich war. Das ist übrigens kein Versagen von irgendjemandem. Pferde, die ihren Körper über lange Zeit umorganisieren mussten, um mit Schmerzen umzugehen, sind oft unglaublich schwer zu lesen. Ich sage das immer wieder, weil ich weiß, wie schnell man sich in solchen Momenten fragt, ob man irgendetwas übersehen hat.

Das Pferd wurde in der Klinik vorgestellt. Dort wurde festgestellt, dass auf beiden Hinterbeinen Arthrose in den Sprunggelenken vorlag. Was mit dem Vorderbein nicht stimmte, ließ sich zu  dem Zeitpunkt nicht final klären, weil entschieden wurde, zuerst die Hinterhand zu behandeln und das Pferd anschließend für sechs Wochen ausschließlich im Schritt gearbeitet werden durfte.

In solchen Momenten verändert sich ein Beritt von Grund auf.

Nicht weil man aufgibt, sondern weil man versteht, dass das, was ein Pferd gerade braucht, etwas ganz anderes ist als das, was man ursprünglich geplant hatte. Dieses Pferd war deutlich zu leicht, körperlich wenig tragfähig und nicht in einem Zustand, in dem sinnvolles Training hätte stattfinden können. Es pendelte im Verhalten zwischen zwei Extremen, die ich gut kenne und die mich immer aufhorchen lassen: auf der einen Seite fast abgeschaltet, kaum motivierbar, wie von innen weggetreten. Auf der anderen Seite explosiv, angespannt, schwer zu regulieren.

Genau solche Pferde werden im Alltag schnell als faul, widersetzlich oder kompliziert beschrieben. Ich sehe das anders. Wenn ich ein Pferd sehe, das zwischen Lethargie und Explosion springt, frage ich mich nicht zuerst, was mit seinem Charakter nicht stimmt. Ich frage mich, was es mit seinem Körper gerade nicht schafft. Denn Schmerz zeigt sich nicht immer als Lahmheit. Manchmal zeigt er sich im Verhalten. Manchmal zeigt er sich als Stumpfheit. Manchmal als Überreaktion auf Kleinigkeiten, die ein ausgeglichenes Pferd gar nicht wahrnehmen würde.

Also haben wir angefangen, anders zu arbeiten, als ursprünglich gedacht.

Keine großen Lektionen, kein Aufbau von Trainingsdruck, kein Abarbeiten eines Plans, der für ein anderes Pferd gedacht war. Stattdessen Schrittarbeit, stabilisierende Übungen, kleine Impulse für eine Muskulatur, die kaum gearbeitet hatte. Dem Pferd eine neue Idee davon geben, wie es sich bewegen kann, ohne sich dabei festzuhalten. Und schauen, was sich verändert, wenn man nicht gegen das arbeitet, was da ist, sondern damit.

Fortschritt sieht bei solchen Pferden anders aus als das, was viele erwarten. Er zeigt sich nicht darin, dass ein Pferd plötzlich spektakulär mehr kann. Er zeigt sich darin, dass es ruhiger wird. Dass der Rücken weicher wird unter dem Sattel. Dass die Spannungen im Körper nachlassen. Dass das Pferd anfängt, sich selbst anders zu organisieren. Das ist kein kleiner Fortschritt. Das ist echter Fortschritt, der auf einer Grundlage steht.

Die Lahmheit vorne rechts blieb bestehen. Das lässt mich nicht los, auch wenn der Berittzeitraum abgeschlossen ist. Aber was sich verändert hat, war real und es war sichtbar. Und für die Besitzerin war das, glaube ich, das Wichtigste überhaupt: nicht noch fünf gut gemeinte Tipps zu bekommen, sondern zu verstehen, was da gerade eigentlich passiert.

Genau das ist es, was ich unter gutem Beritt verstehe.

Nicht ein Pferd „fertig machen“. Nicht darüber hinwegreiten, was unbequem ist. Sondern hinschauen, einordnen, zusammendenken: Was bringt dieser Körper mit? Wo kompensiert er schon lange? Was ist ein Ausbildungsthema, und was braucht zuerst etwas ganz anderes? Und wie kann die Besitzerin ihr Pferd danach wirklich besser lesen?

Denn in dem Moment, in dem jemand versteht, dass sein Pferd nicht faul ist, sondern gerade einfach nicht anders kann, verändert sich alles. Aus Frust wird Verständnis. Aus Unsicherheit wird ein Plan. Und aus dem Nebeneinander von Fütterung, Hufen, Training und tierärztlicher Versorgung wird plötzlich ein Zusammenhang, der Sinn ergibt.

Eine Arthrose bedeutet übrigens nicht, dass ein Pferd durch ist. Sie verändert den Weg, ja. Aber sie schließt ihn nicht. Auch ein Pferd mit Arthrose kann weiterhin Reitpferd sein, wenn man ehrlich hinschaut, was fair ist, was möglich ist und was dem Körper wirklich hilft.

Fazit: Nicht jeder Beritt ist gleich

Wenn du das Gefühl hast, dass bei deinem Pferd gerade mehrere Dinge auf einmal zusammenkommen und du dir einfach einen ehrlichen Blick von außen wünschst, dann melde dich gern bei uns. Wir schauen nicht nur darauf, was ein Pferd tut. Wir schauen vor allem darauf, warum es sich so zeigt, wie es sich zeigt.

Denn genau dort beginnt echte Veränderung.

Bleib auf dem Laufenden!

Wobei wir euch im Pferdezentrum Dolle unterstützen

  • Beritt für Pferde mit körperlichen Baustellen
  • Training mit Blick auf Tragfähigkeit und Kompensationen
  • Einschätzung von Haltung, Hufen und Fütterung im Gesamtbild
  • Begleitung von Besitzern, die ihr Pferd besser verstehen möchten

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